„Fotografie bedeutet für mich, Realität wie eine Farbe mit dem Pinsel aufzunehmen“


Betrachtet man Victoria Pidusts Bilder, verliert man schnell die Orientierung. Wirre Kollagen in teils explosiven Farben, die vor Plastizität strotzen. Kaleidoskope ohne Symmetrien, die über die zweite Dimension hinauswachsen, hinein in die Wahrnehmung der Betrachter. Farbflächen mit heterogener Oberfläche treffen auf Strukturen oder Objekte, manchmal werden die abstrakten oder auch organischen Formen von fotorealistischen Elementen durchbrochen. Mit ihren vielschichtigen Panoramen entführt Victoria Pidust in einen visuellen Irrgarten, in dem unsere Wahrnehmung aufgewirbelt wird. Unsere Sehgewohnheiten zerbersten, die Suche nach der Identifizierbarkeit von Details hinterlässt mehr Fragen als Antworten – eine Provokation unserer Rezeption von Werken, die mit fotografischen Techniken entstanden sind.

Doch handelt es sich bei den Werken von Victoria Pidust überhaupt um Fotografien oder fotografische Elemente? Und wenn ja, auf Basis welcher Definition von Fotografie? Die Suche nach Antworten auf diese Fragen ist mindestens so komplex wie Pidusts Bilder. Die Künstlerin reflektiert in ihrer Auffassung von Fotografie auf die Überlegungen des deutschen Fotografen und Fototheoretikers Gottfried Jäger (* 1937 in Burg), der im Jahr 1968 den Begriff „Generative Fotografie“ einführte. Bezugnehmend auf den Begriff „Generative Ästhetik“ des deutschen Philosophen Max Bense aus dem Jahr 1965 definierte Jäger darunter bilderzeugende Fotografie auf systematisch-konstruktiver Basis. Beschrieben wurde damals unter den Begriffen die Schaffung rationaler, apparategesteuerter Kunst im aufkommenden Computerzeitalter, die mathematische und numerische Parameter auf künstlerische Projekte anwendet. Die Überlegungen bedeuten damals wie heute eine Fortentwicklung „konkreter“ künstlerischer Ansätze, die Mitte der 1920er Jahre bereits in manche Sparten der Malerei einbezogen wurden.

Pidust konglomeriert Fotografie und Malerei, allerdings unter erweiterten Vorzeichen: Die Künstlerin adaptiert „Generative Ästhetik“ und „Konkrete Kunst“ für ihr künstlerisches Schaffen, in dem sie das Genre der Fotografie aus seinem die Wirklichkeit abbildenden in ein intrinsisch schöpfendes Medium zur Darstellung der Modulation von Wirklichkeit überführt. Im Vorfeld arbeitet sie mit den für die Fotografie charakteristischen Materialien: Licht, generative Prozesse und Apparate, die nicht notwendigerweise Kameras sein müssen, zudem bildgebende Verfahren aus fachfremden Disziplinen. Pidust vereint in ihren Bildern reale, abstrakte und konkrete Darstellungsformen. Die Komponenten ihrer Montagen entstehen nur teilweise durch Fotokameras. Pidust hat die Blende des Fotografiebegriffs maximal geöffnet. Für ihre künstlerische Praxis nutzt sie diverse verfügbare Bildgebungsverfahren und kombiniert diese miteinander: analoge und digitale Fotos sowie 3D-Renderings aus Computerprogrammen zur Erzeugung von Architekturmodellen.

Pidust begreift Fotografien im Sinn des Fototheoretikers Enno Kaufhold als Hybride, die sich zwischen natürlich und künstlich bewegen, wie dieser in dem Sammelband „Natürlich Künstlich: Das virtuelle Bild“ (2001) schrieb. Pidusts Bilder bestehen aus analogen Elementen – den Fundus fotografiert Pidust selbst – sowie aus digitalen Komponenten, bei denen die Künstlerin 3D-Programme einsetzt beziehungsweise für sich arbeiten lässt. Beispielsweise arbeitet Pidust kreativ mit einer Software zum Scannen von Architektur und zur Erstellung von digitalen Modellen für Räume, in dem sie die programmimmanenten Algorithmen stört, die für das sogenannte Pattern-Recognizing zuständig sind. So ensteht Neues, Unerwartetes, der Schaffensprozess verselbständigt sich. Der Computer wird zur kreativen Instanz, Pidust manipuliert wirklichkeitsgetreue Darstellungen mit künstlicher Intelligenz. Der Zufall wird dabei zum zentralen Element, vergleichbar mit dem Farbauftrag in der Malerei, bei den Farben ineinander fließen. Für ihre Montagen bildet Pidust mithilfe der Computerprogramme virtuelle 3D-Objekte, in die sie Bildelemente aus anderen Quellen, beispielsweise selbst fotografiertes Material, einfügt. Pidust bezieht dabei nicht nur starre Objekte, sondern auch fluides, bewegtes Material mit ein, das sie in der Bewegung einfrieren lässt. Die 3D-Objekte dreht die Künstlerin im Rechner und erstellt dann eine Ansicht, die sie letztlich in 2D als fertiges, flächiges Werk ausspielt. So ensteht die enorme Plastizität der Bilder, die charakteristisch für Pidusts Werke ist.

Mit ihren Hybriden, wie Pidust ihre Arbeiten nennt, schreibt die Künstlerin das Kapitel der Generativen Fotografie mit aktuellen Mitteln fort. In ihren barock anmutenden Werken bringt sie mehrere vermeintlich unvereinbare Verfahren zusammen: die Bilder sind gleichzeitig analog und digital, vereinen subjektive und generative Fotografie. Sie entstehen durch menschliches Bewusstsein und künstliche Intelligenz und beschreiben beide Wege von 2D nach 3D wie von 3D nach 2D. Mit dem dadurch entstehenden rechnerischen Informationsverlust lässt Pidust ihre Artefakte entstehen. Hinter ihrem ästhetischen Konzept steht die Idee, unsere Welt mit anderer Wahrnehmung zu spiegeln, bei den Betrachtern eine Realitätsverschiebung zu erzeugen. Ihre intensive Verbindung und Auseinandersetzung mit der Malerei hat Pidust nicht nur über Abstraktionsmöglichkeiten nachdenken lassen, sondern auch, wie man diese auf die Fotografie übertragen kann. Beim Betrachter lösen diese nicht nur Verwunderung und Erstaunen aus, laufen doch erlernte Entschlüsselungsmechanismen ins Leere. Nicht selten endet das Betrachten der opulenten Panoramen in eine Untersuchung der Frage, was auf einem mit fotografischen Techniken hergestellten Bildern „echt“ ist. Pidusts Werke stellen nicht nur eine Realtitätsverschiebung auf der visuellen Ebene dar, sondern provozieren ein Nachdenken über tradierte Wahrnehmungsschablonen, bis in philosophische Dimensionen hinein.


Carla Susanne Erdmann


Victoria Pidust
Geboren 1992 in Nikopol, Ukraine. Sie studierte von 2010 bis 2015 Multimedia am Institut für Buchkunde und Drucktechnik, sowie Fotografie an der Schule NTUU KPI in Kiew (Abschluss: Bachelor). Von 2013 bis 2015 nahm Pidust private Fotokurse bei den Fotografen Roman Pyatkovka und Alexander Lyapin, Ukraine. In den Jahren 2015 bis 2017 studierte sie Visuelle Kommunikation und von 2017 bis 2020 Bildende Kunst und Malerei, beides an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. Sie lebt und arbeitet in Berlin.